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Gerhard Richter. Abstraktion – Symposium im Museum Barberini, Potsdam

16. März 2018
Carina Krause

Ende Juni 2018 wird im Museum Barberini in Potsdam die Ausstellung Gerhard Richter: Abstraktion eröffnen, die sich Richters Verfahrensweisen, insbesondere in Verbindung mit seinem abstrakten Œuvre widmen und dessen Werkprozess, beginnend mit frühen Arbeiten der 1960er-Jahre bis heute, erläutern wird. Etwa 80 Werke des Künstlers – darunter graue Bilder, Rakelbilder und ein großformatiger Strip – werden zu sehen sein. Vorbereitend zur Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Gerhard Richter Archiv konzipiert wird, wurde Anfang März im Museum Barberini ein Symposium veranstaltet.

Den Auftakt machte Dr. Ortrud Westheider, Direktorin des Hauses. In ihrem Vortrag Abstraktion als Methode ging sie auf Gerhard Richters Verfahrensweisen ein. Westheider identifiziert unter anderem die gemalte Fotografie, die seinen Fotobildern zugrunde liegt, als sogenannten dritten Weg, der Richter von Komposition und Bildidee befreit, ihm aber dennoch erlaubt, figürlich zu malen.

Interessant sind die Zusammenhänge, die sie zwischen den monochromen Stillleben des italienischen Malers Giorgio Morandi und Richters Vorhang-Bildern der 1960er-Jahre herstellt, die sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegen. Ebenso die Verweise auf Mondrian in Richters rhombischen Leinwänden der späten 1990er-Jahre oder auf Cornelis Gijsbrechts Trompe-l’œil-Bilder in Richters Darstellungen umgeschlagener Blätter.

Der nächste Beitrag des Tages hatte das Verhältnis der abstrakten und gegenständlichen Bilder bei Gerhard Richter zum Thema. Dr. Dietmar Elger, Leiter des Gerhard Richter Archivs in Dresden, machte deutlich, dass abstrakte Gruppen immer wieder von figürlichen Arbeiten unterbrochen werden, das aber keinesfalls als störend, sondern als ergänzend begriffen werden sollte. Dieses Zusammenspiel von Abstraktion und Figuration wird schon in der frühen Arbeit Tisch aus dem Jahre 1962 deutlich. Die vorgenommene Verwischung radiert den Gegenstand nicht aus – er ist auch weiterhin gleichberechtigt lesbar.

Elger ging außerdem darauf ein, wie sich Assoziationen oft aus den Werktiteln ergeben. So werden, zum Beispiel, die Blätter der eigentlich abstrakten Arbeit Elbe aufgrund des Titels als Darstellungen von Flusslandschaften wahrgenommen. Auch in Richters Vorhang-, Wellblech– und Schattenbildern wird das Illusionistische in der Malerei deutlich.

Am Beispiel der Strips, die alle auf Abstraktes Bild (724-4) aus dem Jahre 1990 beruhen, erklärt Elger, wie Richter Werke in ein neues Medium übersetzt und sie so eine neue Relevanz erhalten.

Hubertus Butin beleuchtete in seinem aufschlussreichen Vortrag Richters Farbtafelbilder der 1960er- und 1970er-Jahre. Er stellte diesen Arbeiten von Ernst Wilhelm Nay, Jim Dine und Blinky Palermo gegenüber, deren bildbestimmendes Motiv ebenfalls Farbfelder sind.

Dabei ging er auf Richters Ablehnung traditioneller Farbtheorien, etwa Philipp Otto Runges Farbkugel, ein. Durch die Auslosung der Position, die ein bestimmter Farbton im Raster einnehmen wird, verhindert Richter von vornherein so etwas wie eine beabsichtigte Komposition. Zudem werden, zumindest in den frühen Farbtafeln, die Farbstrukturen immer wieder durch weiße Stege unterbrochen. Dadurch wird eine Interaktion der Farben, wie sie zum Beispiel in den Arbeiten von Josef Albers zu beobachten ist, unterbunden.

Als nächstes folgte Prof. Dr. Armin Zweite mit seinem Beitrag Das Denken ist beim Malen das Malen, in dem er über den Vorrang der Form in Richters Werk referierte. Dabei ging er auf Konzepte verschiedener Philosophen und Kunsttheoretiker ein, z.B. Adorno, Gottfried Boehm und immer wieder Konrad Fiedler, dessen Philosophie auf jener von Kant und Schopenhauer basiert. Fiedler argumentiert, unter anderem, dass der Mensch erst durch die Kunst die Wirklichkeit gewinnt. Auch Gerhard Richter befasste sich mit der Realität in der Kunst und stellte fest, „dass man die Wirklichkeit gar nicht darstellen kann, dass das was man macht, immer nur sich selbst darstellt, also selbst Wirklichkeit ist.“[1]

Zweite erwähnt, dass auch das Werkzeug einen starken Einfluss auf die Arbeit hat. Dem kann Prof. Dr. Matthias Krüger sicherlich nur zustimmen. In seinem Vortrag ging es um Richters Malutensil, die Rakel. Krüger beschreibt deren Entwicklung, beginnend mit dem ersten, 1938 von Ettore Steccone patentierten Gerät bis hin zum von Richter benutzten „maltechnischen Zufallsgenerator“ aus Plexiglas.

Wie Richter die Rakel in seinem Atelier handhabt, wird im Film Gerhard Richter – Painting von Corinna Belz gezeigt, in dem man den Künstler dabei beobachten kann, wie er das Utensil mit Bedacht und geradezu provokanter Langsamkeit einsetzt, um seine vielschichtigen Rakelbilder zu erschaffen.

Krüger vergleicht zudem den Einsatz des Palettenmessers oder Spachtels bei Künstlern wie Joshua Reynolds, Gustave Courbet und August Strindberg. Überdies erkennt er in den übermalten Fotografien sowie einigen der Ausschnitt-Bilder Richters Parallelen zur sogenannten Palettenmalerei. Dabei nutzten Künstler nach Fertigstellung eines Gemäldes die nun nicht mehr benötigten Malerpaletten als Malgrund und die dort eher zufällig entstandenen Farbschlieren als Grundlage für kleine, verspielte Malereien.

Jeder der Beiträge macht auf seine eigene Art und Weise Lust auf die Ausstellung, die ab 30. Juni 2018 im Museum Barberini zu sehen sein wird und lädt dazu ein, sich näher mit den Gemälden Richters zu befassen. Wir sind auf jeden Fall schon sehr gespannt.

[1] Interview mit Rolf Schön 1972, in: Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2008, S. 59.