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Gerhard Richter. Landschaft, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2021
Foto © Franca Candrian, Kunsthaus Zürich, Werke © Gerhard Richter

Gerhard Richter: Landschaft, Kunsthaus Zürich
Interview mit Hubertus Butin

19. Mai 2021
Emma Nilsson

Die Ausstellung »Gerhard Richter: Landschaft«, die noch bis zum 25. Juli im Kunsthaus Zürich zu sehen ist, wurde von dem Berliner Kunsthistoriker Hubertus Butin kuratiert. Anlässlich dieses Projekts konnten wir Mitte Mai mit ihm ein Interview führen.

 

Wie kam es zu der Idee, sich ausschließlich auf Gerhard Richters Landschaften zu konzentrieren?

Da Gerhard Richter international als der bedeutendste lebende Maler gilt, hat es weltweit natürlich schon sehr viele Ausstellungen mit seiner Kunst gegeben, sodass man den Eindruck haben könnte, es sei schon alles erforscht und ausgestellt worden. Doch dem ist mitnichten so, da das Oeuvre so umfangreich und vor allem so vielfältig ist, dass es immer noch Themen gibt, die man kunsthistorisch bearbeiten kann. Dazu gehören auch Richters zahlreiche Landschaftsbilder, die von den späten 1950er-Jahren bis heute eine zentrale Bildgattung in seinem Oeuvre darstellen. Erstaunlicherweise hat es zu diesem Thema bisher nur ein einziges Ausstellungsprojekt gegeben: Als Dietmar Elger 1998 im Sprengel Museum Hannover eine solche Ausstellung realisierte, wurden ausschließlich Ölbilder präsentiert. Da sich Landschaftsmotive bei Richter jedoch nicht nur in Gemälden, sondern auch in Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotocollagen, übermalten Fotografien und Künstlerbüchern sowie in dreidimensionalen Objekten finden, wollten wir in Zürich nun all diese Medien berücksichtigen. Eine Ausstellung, die versucht, das Thema „Landschaft“ auf eine medial so umfassende Weise zu beleuchten, hat es noch nie gegeben. Außerdem sind zahlreiche Bilder zu sehen, die selten oder gar noch nie öffentlich ausgestellt worden sind, sodass es selbst für Richterkenner einige Überraschungen zu entdecken gibt.

 

Können Sie kurz das Konzept der Ausstellung beschreiben, aus der sich auch eine bestimmte Struktur in den Ausstellungsräumen ergibt?

Es gibt fünf verschiedene thematische Kapitel, welche die Besucher und Besucherinnen wie in einem Parcours durchlaufen können. Am Anfang geht es darum, mit bestimmten Bildern anschaulich zu machen, dass Richters Landschaftsdarstellungen meist auf fotografischen Vorlagen basieren, die er entweder selbst angefertigt hat oder die aus Zeitungen und Büchern sowie aus Fotoalben stammen. Solche Werke haben eine dezidiert fotografische Ästhetik, womit deutlich wird, dass es Bilder von Bildern sind.

Der zweite Raum untersucht Richters Verhältnis zur deutschen Romantik, da tatsächlich viele sehr stimmungsvolle, atmosphärische Bilder von Sonnenuntergängen mit weitem Himmel und tiefem Horizont, von Regenbögen, Wolken oder nebelbedeckten Landschaften an die Kunst Caspar David Friedrichs erinnern. Richter nennt seine Bilder diesbezüglich allerdings »Kuckuckseier«, da sie als romantisch empfunden werden, ohne die geistige Tradition der Romantik fortsetzen zu können.

Das nächste Kapitel setzt sich mit Landschaften in der Abstraktion auseinander, wobei es nicht bloß um eine klassische Abstraktion im Sinne einer Autonomisierung der Form geht, die schon so viele Künstler und Künstlerinnen durchexerziert haben. Vielmehr stellt sich Richter die Frage, wie weit man – jeweils ausgehend von einer fotografischen Vorlage – die Verselbständigung der Form treiben kann, ohne in einer beliebigen und völligen Gegenstandslosigkeit zu landen.

Der vierte Raum widmet sich Landschaften, die fiktionale Konstrukte sind: Anhand von Ölgemälden, Druckgrafiken und Fotocollagen stellt Richter Landschaften dar, die in der Realität so nicht vorkommen können. Meeres-, Berg- und Wolkenbilder wurden motivisch auf eine Weise zusammengesetzt, die sie zu reinen Phantasiegebilden werden lässt, was man jedoch erst auf den zweiten Blick erkennt.

Das Schlussthema bilden die übermalten Landschaften: Auf die Oberfläche landschaftlicher Gemälde, Fotografien und Druckgrafiken hat Richter Ölfarbe als nicht abbildhafte, selbstbezügliche Materie aufgetragen. Diese beiden simultanen Wirklichkeitsebenen von Landschaftsdarstellung und abstrakter Farbmaterie gehen in jenen Bildern eine enge, raffinierte Verbindung ein. Sie erscheinen als eine ineinander verzahnte Einheit, deren Spannung gerade aus dem deutlichen Gegensatz der verschiedenen Produktionsformen herrührt.

 

Das hört sich für manche vielleicht etwas arg theoretisch an. Oder?

Als Kurator sollte man sein Publikum nicht unterschätzen. Außerdem braucht man ja eine inhaltliche Struktur, um eine sinnvolle Ordnung in die Ausstellung zu bringen. Doch natürlich bietet das Projekt unabhängig von den kunsthistorischen und kunsttheoretischen Reflexionen auch einen großen sinnlichen Genuss mit vielen wunderbaren, zum Teil überwältigen Bildern. Ob sich die Besucherinnen und Besucher mehr für die sinnlichen oder die geistigen Erfahrungsmöglichkeiten interessieren, ist jeder und jedem selbst überlassen. Am besten man ist für beides offen.

 

Es scheint für Gerhard Richter wesentlich zu sein, dass seine Landschaftswerke auf fotografischen Vorlagen basieren. Sie beschreiben dies als »Landschaften aus zweiter Hand«. Es tauchen zwischendurch auch einige Werke auf, für die er vermutlich keine Fotografien verwendet hat, sondern die rein abstrakt zu sein scheinen. Wieso sind solche Bilder ebenfalls in der Ausstellung zu sehen?

Auf der einen Seite gibt es Bilder vor allem aus den 1960er- und 70er-Jahren, die nur im ersten Moment abstrakt, ungegenständlich und selbstbezüglich wirken, deren Gebirgs-, Park- und Städtemotive jedoch durchaus auf Fotografien basieren. Diese Werke lösen die Landschaften in breiten, pastosen Pinselstrichen auf, sodass sie nur aus der Entfernung als Landschaften erkennbar werden. Auf der anderen Seite gibt es im Kunsthaus Zürich jedoch auch, wie Sie richtig beobachtet haben, tatsächlich einige wenige völlig abstrakte Bilder. Ein solches Werk ist zum Beispiel das fast sieben Meter breite Ölbild »Sankt Gallen« von 1989. Sowohl der Titel, der auf einen konkreten Ort verweist, als auch eine fast durchgehende waagerechte Linie, die eine Horizontlinie suggeriert, machen landschaftliche Assoziationen möglich, sodass wir auch solche Gemälde in die Ausstellung integriert haben. Dabei drängt sich das Landschaftliche aber nicht auf, sondern wird nur sehr zurückhaltend angedeutet, wenn man es überhaupt so sehen möchte.

 

Richter wendet immer wieder Techniken der Verfremdung an, sei es durch die Verwischung mit der Rakel, oder auch durch die fotografischen Vorlagen, die er zerschneidet und mit Ausschnitten von anderen Fotografien montiert. Diese Techniken tragen sicherlich zu einer bildnerischen Spannung bei. Würden Sie aber auch sagen, dass Richter dabei explizit die Konstruiertheit von Landschaft verhandelt? Landschaft ist anders als Natur eine kulturelle Erschaffung des Menschen.

Natur wird zur Landschaft, wenn sie als sinnlicher Gegenstand erfahrbar wird, das heißt, unsere kulturell geprägte Wahrnehmung macht das Angeschaute zur Landschaft. In jenen Landschaftsbildern, die als rein fiktionale Konstrukte erscheinen, geht es jedoch um etwas anderes: Richter scheint mit diesen visionären Entwürfen der ästhetischen Kategorie des Erhabenen nachzuspüren. Erhaben ist alles unvergleichlich Große, Weite und Überwältigende, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft. So hat der Künstler zum Beispiel 1970 den Himmel des gemalten Meeresbildes »Seestück (See-See)« durch eine zweite Meereslandschaft ersetzt, die er um 180 Grad gedreht hat, was natürlich jede reale Naturerfahrung übersteigt und diese Landschaft zu einem Ort des Irrealen werden lässt.

 

In der Vergangenheit hatte Richter oft Architekturmodelle von Ausstellungen angefertigt, um die Präsentation zu konzipieren.  Hatten Sie bei der Auswahl und / oder der Hängung freie Hand?

Die Ausstellung in der Schweiz habe ich zusammen mit der Kuratorin Cathérine Hug vom Kunsthaus Zürich geplant und präsentiert, und wir konnten frei schalten und walten. Gerhard Richter war zwar über das Konzept und die Bildauswahl informiert und hatte allem zugestimmt, doch bei der Hängung hat er uns völlig freie Hand gelassen, was wir natürlich auch als großen Vertrauensbeweis empfunden haben. Bei manchen anderen Ausstellungsprojekten wird die Hängung tatsächlich vom Künstler selbst sehr genau geplant, doch ich habe mich gefreut, dass er meiner Kollegin und mir diese schöne Aufgabe, die mir immer besonders viel Freude macht, ganz überlassen hat.

 

Eine Vielzahl der dargestellten Landschaften sind in der Schweiz, vor allem in der Gegend um Sils Maria zu finden. Können Sie etwas zu Richters Beziehung zur Schweiz sagen?

Gerhard Richter ist früher oft in der Schweiz gewesen, dessen Landschaft und Kultur er sehr schätzt. Vor allem nach Sils Maria ist er oft gereist und hat dann im berühmten Hotel Waldhaus gewohnt. Auch an anderen Orten hat Richter die Schweizer Seen, Berge und Wälder fotografiert und dann relativ häufig diese Motive für seine Gemälde oder übermalten Fotografien verwendet. Von daher ist es kein Wunder, dass manche dieser Landschaftsbilder speziell von Schweizer Museen und Schweizer Sammlern und Sammlerinnen erworben wurden. Deshalb haben wir prozentual gesehen in der Tat viele Werke aus der Schweiz ausgeliehen. Insgesamt kommen die Bilder für diese Ausstellung aber aus der ganzen Welt: Deutschland, Österreich, Dänemark, Monaco, London, New York, Chicago und Hongkong.

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