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Dietmar Elger im Interview zum Erscheinen des aktuellen Bandes von Gerhard Richters Werkverzeichnis

13. März 2020
Emma Nilsson

Anlässlich der unmittelbar bevorstehenden Veröffentlichung des fünften Bandes des Catalogue Raisonnés von Gerhard Richter gibt Dietmar Elger, der Herausgeber des Werkverzeichnisses und Leiter des Gerhard Richter Archivs, Einblicke in die unterschiedlichen Facetten dieser langjährigen und komplexen Forschungsarbeit. Der Band umfasst die Jahre 1994 bis 2006 und erscheint Ende März im Hatje Cantz Verlag.

 

Riva di Morcote: Der fünfte Band umfasst die Zeitspanne von 1994 bis 2006. Wie lange dauerte es, das Werkverzeichnis für das mehr als ein Jahrzehnt umfassende Oeuvre eines sehr produktiven Künstlers zu recherchieren und vorzubereiten.

Dietmar Elger: Ich arbeite kontinuierlich an den Recherchen und der Informationssammlung für das gesamte Werk seit 1962 und konzentriere mich zunächst nicht auf einen bestimmten Zeitraum. Im Zusammenhang mit Ausstellungen, Katalogen und Büchern etc. werden alle Informationen für das Werkverzeichnis katalogisiert. Erst in den zwei Jahren vor Erscheinen jedes Bandes habe ich mich dann auf die Recherche der noch offenen Fragen zu dem jeweiligen Zeitraum konzentriert.

RdM: Wie entscheiden Sie, welche Werke aufgenommen werden. Gibt es z.B. Gemälde und Skulpturen, die nicht im Werkverzeichnis erscheinen, dadurch also nicht offiziell als Werke anerkannt werden. Welches können Gründe hierfür sein und werden diese gemeinsam mit dem Künstler entschieden.

DE: Im Vorwort zum Werkverzeichnis sind einige Parameter für die verzeichneten Werke und die Art der Katalogisierung formuliert. Dort ist auch bestimmt, dass es sich hier um den Catalogue Raisonné der nummerierten Werke handelt, also ausschließlich alle von Gerhard Richter mit einer sogenannten Werknummer versehenen Werke berücksichtigt werden. Der Catalogue Raisonné beginnt folglich mit dem von Richter mit der Nummer 1 katalogisierten Gemälde “Tisch” aus dem Jahr 1962. Dabei wurden von Gerhard Richter die klassischen Medien gelegentlich durchaus ignoriert. Der Catalogue Raisonné enthält deshalb nicht nur Bilder und Skulpturen, sondern auch photographische Werke, Arbeiten in Öl auf Papier und Bleistiftzeichnungen auf Papier oder Leinwand. Dadurch existieren dort durchaus Werke, die sich auch im Werkverzeichnis der Zeichnungen oder der Editionen wiederfinden.

RdM: Mit Sicherheit werden alle Werke, die das Atelier verlassen, umfangreich dokumentiert. Haben Sie die Möglichkeit alle oder die meisten Werke selber vorher zu sehen.

DE: Seit ich das Archiv leite, ist es im Regelfall so, dass ich alle Werke bereits im Entstehungsprozess sehe.

RdM: Sie sind seit 2006 der Leiter des Gerhard Richter Archivs. Kommen SammlerInnen oder HändlerInnen auf Sie zu, die Werke zur Aufnahme ins WVZ vorschlagen.

DE: Was die Begutachtung von nicht-nummerierten Werken angeht, so bin ich in der glücklichen Situation solche Fälle mit Herrn Richter besprechen zu können, bzw. ihm zur Entscheidung vorlegen zu können. Es gibt aber auch Beispiele, dass Werke in den früheren Werkverzeichnissen nur pauschal verzeichnet worden sind. Die “Parkstücke” (Nr. 320) und die “Umgeschlagenen Blattecken” (Nr. 70) sind solche Beispiele, die ich jetzt einzeln und vollständig katalogisiert und abgebildet habe.

RdM: Der erste Band des Catalogue Raisonnés beginnt im Jahr 1962, also im Jahr nachdem Gerhard Richter mit seiner Frau in die BRD übersiedelte. Man hört, dass Gerhard Richter anscheinend selber Zertifikate für die Werke ausstellt, die in den Jahren zuvor entstanden sind. Nach außen wirkt dies wie ein Konflikt – ist es geplant, dass seine Jahre in der DDR auch in einem zusätzlichen Band dokumentiert werden.

DE: Nein, solche Zertifikate stellt Herr Richter nicht aus und auch das Gerhard Richter Archiv nicht. Ein Werkverzeichnis der in Dresden entstandenen Arbeiten ist schon aus rein praktischen Gründen gar nicht möglich. Viele Bilder sind zerstört oder verschollen. Von den photographisch dokumentierten Werken können wir häufig nicht einmal die Technik identifizieren. Es fehlen Titel, Jahreszahlen und Maßangaben. Ein Werkverzeichnis in Angriff zu nehmen wäre also vollkommen aussichtslos. Zudem würde die Bedeutung dieses Frühwerkes ein solch mühsames Unterfangen kaum rechtfertigen.

RdM: Um sich über einzelne Werke von Gerhard Richter zu informieren, nutzen die meisten KuratorInnen, SammlerInnen und HändlerInnen häufig die Webseite gerhard-richter.com, die ja nicht vom Archiv betrieben wird. Welche zusätzlichen Angaben, Verweise etc. finden sich im Catalogue Raisonné. Ist die Werknummerierung identisch.

DE: Ja, ich nehme an, dass die Werknummerierung identisch ist, da sich sicher auch die Website auf die, von Gerhard Richter selbst vorgenommenen Nummerierungen stützt. Bei unserem sechsbändigen Catalogue Raisonné handelt es sich hingegen um ein wissenschaftliches Werkverzeichnis, das das Ergebnis sorgfältiger und entsprechend langjähriger Recherchen und Forschungen ist. Gelegentliche Fehler möchte ich aber auch dabei nicht ausschließen. Sie lassen sich bei insgesamt mehr als 3800 Buchseiten gesammelter Forschungsarbeit nicht vermeiden.

RdM: Unabhängig von den verschiedenen Bänden des Catalogue Raisonnés von Gerhard Richter haben sie auch das Werkverzeichnis von Félix González-Torres herausgegeben und bearbeitet. Es erschien kurz nach seinem Tod und stellte sicherlich eine ganz andere Herausforderung dar, detaillierte Angaben zu recherchieren, aber auch Entscheidungen zu treffen, z.B. welche Werke aufgenommen werden. Welches sind die hauptsächlichen Unterschiede, wenn ein Werkverzeichnis während der Lebzeit oder nach dem Tod eines Künstlers oder einer Künstlerin verfasst wird.

DE: Bei Félix González-Torres, dessen Werkspanne ja relativ kurz war, hätte ich unsere Ausstellung [1] nie durch ein Werkverzeichnis ergänzt, wenn der Künstler bedauerlicherweise nicht kurz nachdem wir die Arbeit an der Ausstellung mit ihm begonnen hatten, verstorben wäre. Unsere Ansprechpartnerin war deshalb seine Galeristin Andrea Rosen, die auch den Nachlass repräsentiert. So war z.B. die Unterteilung des Werkverzeichnisses in Works, Additional Works und Non-Works durch den Nachlass vorgegeben.

RdM: Man liest in den letzten Jahren immer mehr, dass Estates keine Authentifizierungen mehr ausstellen aus Angst von SammlerInnen verklagt zu werden, die mit den Schlussfolgerungen unzufrieden sind. Zu den Estates, die so versuchen, kostspielige Gerichtsverfahren zu vermeiden, gehören prominent The Andy Warhol Foundation, die Karel Appel Foundation, Keith Haring Foundation und die Calder Foundation. Ist es überhaupt möglich sich als Experte oder als Estate gegen solche Klagen abzusichern.

DE: Ich denke, dass die Rechtssituation in Deutschland eine etwas andere ist und sich solche Probleme hier nicht in dieser Dramatik stellen.

RdM: Der sechste Band ist bereits von Hatje Cantz angekündigt mit dem Erscheinungstermin im kommenden Jahr – können Sie bereits absehen, ob dieser Termin eingehalten werden kann und wenn ja, welchen Zeitraum umspannt der Band.

DE: Der sechste Band beginnt mit dem Jahr 2007 und dem Kölner Domfenster, das die Werknummer 900 trägt, und er wird bis zu den jüngsten Werken reichen, die kurz vor Erscheinen des Bandes entstanden sind. Das soll im Februar 2022 zum 90. Geburtstag von Gerhard Richter sein.

RdM: Herr Elger, wir danken Ihnen sehr für das Interview.

 

[1] Félix González-Torres, Sprengel Museum Hannover, 1997, Kunstverein St. Gallen Kunstmuseum 1997, Museum für moderne Kunst Stiftung Ludwig Wien, 1998.

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