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© Christiane Haid, Berlin 2020.

Interview mit dem Berliner Kunsthistoriker Hubertus Butin, Dezember 2020

10. Dezember 2020
Emma Nilsson

 

Wie oft decken Sie Fälschungen auf?

Als Experte für die Kunst Gerhard Richters begegnen mir im Kunstbetrieb im Durchschnitt zwei Fälschungen im Monat. Es ist erschreckend, wie sehr die Anzahl an Fälschungen allein im Handel mit diesem Künstler in den letzten Jahren zugenommen hat.

 

Gibt es bestimmte Hinweise oder Alarmzeichen, dass es sich bei einem Werk um eine Fälschung handeln könnte?

Die drei Säulen, auf denen die Überprüfung eines Kunstwerks grundsätzlich ruhen sollte, sind folgende: erstens die vergleichende Stilkritik, also die Frage nach der formalästhetischen Erscheinung des Objekts und seiner Übereinstimmung mit dem Individualstil des angenommenen Künstlers oder der Künstlerin. Zweitens spielt die Provenienzrecherche, soweit sie durchführbar ist, eine wichtige Rolle, indem man die Herkunft und die früheren Besitzverhältnisse des Werks klärt. Drittens erfolgt als ein ganz wesentlicher Schritt die materielle Gegenstandssicherung, indem die verwendeten Werkstoffe und eingesetzten Werktechniken bestimmt und verglichen werden. Das fängt damit an, dass man z. B. eine Lupe zur Hand nimmt, und es kann bei Zweifelsfällen bis zur materialtechnischen Analyse in einem Labor reichen.

 

Gibt es Künstler, die einfacher zu fälschen sind oder öfter gefälscht werden? Eher Alte Meister oder zeitgenössische Kunst?

Moderne und zeitgenössische Kunst ist sicherlich einfacher zu fälschen als Alte Meister, da die wenigsten Fälscher die alten Werktechniken perfekt beherrschen und auch nicht so leicht alte Werkstoffe aus früheren Jahrhunderten beschaffen können. In der Moderne sind vor allem Picasso, Dalí, Miró, Chagall, Matisse, Modigliani und die Expressionisten zu nennen, in der zeitgenössischen deutschen Kunst sind es vor allem Baselitz, Beuys, Graubner, Immendorff, Kippenberger, Penck, Polke, Richter und Uecker, die sehr viel gefälscht werden.

 

Ist es überhaupt im Interesse von Museen, Sammlern und Händlern Fälschungen aufzudecken?

Echtheit ist auf allen Ebenen des Kunstbetriebs eine zentrale Qualitäts- und Wertkategorie. Deshalb ist es natürlich wichtig zu wissen, ob man in seiner Sammlung oder seinem Lager eine Fälschung hat. Für alle Betroffenen ist es zwar unangenehm und peinlich, wenn eine Fälschung ans Licht der Öffentlichkeit kommt, doch noch fataler ist eine nicht oder zu spät entdeckte Fälschung. Das Museum, der Sammler oder Händler hat auf jeden Fall einen finanziellen Schaden erlitten und eventuell auch einen Ansehensverlust. Aus Fehlern wird man jedoch klug, sodass man besser offen und transparent mit einer Fälschung umgehen sollte, zumindest wenn man eine öffentliche Institution ist. An die Polizei sollte man sich aber auch als Händler oder Sammler wenden, wenn man getäuscht und betrogen wurde.

 

Was passiert mit entdeckten Fälschungen? Gehen diese einfach an den Besitzer zurück, der sie dann ungestört weiterverkaufen kann, oder werden sie zerstört oder der Polizei übergeben?

Da der Besitz einer Fälschung nicht strafbar, also nicht verboten ist, gehen die meisten Objekte, wenn sie aufgeflogen sind, wieder an ihren Besitzer zurück; und dann ist es leider oft nur eine Frage der Zeit, bis die Fälschung irgendwo wieder angeboten wird. Nur wenn der Fälscher selbst oder ein Sammler oder Händler wissentlich und somit betrügerisch eine Fälschung als Original anbieten, können die Strafverfolgungsbehörden den Gegenstand dauerhaft einziehen. Manchmal können Fälschungen von der Polizei sogar zerstört werden, was in Deutschland jedoch nur selten gelingt, da die juristischen Hürden hoch sind.

 

Haben Sie Ideen, wie es erschwert werden kann, Fälschungen in den Handel zu bringen?

Grundsätzlich sollte man beim Erwerb von Kunstwerken immer ein gesundes Misstrauen haben. Selbst die berühmtesten Auktionshäuser und legendärsten Händler haben mitunter Fälschungen verkauft. Wenn man sich unsicher ist und die eigene Erfahrung nicht ausreicht, sollte man vor dem Kauf unabhängigen Rat einholen. Und wenn Fälschungen auftauchen, sollte grundsätzlich immer die Polizei informiert werden, wie etwa das Landeskriminalamt Berlin, das über eine eigene Abteilung zur Kunstkriminalität verfügt.

 

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von Blockchain-Technologie?

Wenn Sie damit digitale Etiketten auf Kunstwerken meinen, die eine sichere Identität und Identifizierung versprechen, dann bin ich eher skeptisch. Denn vielleicht lassen sich auch solche Etiketten fälschen, und außerdem kann man ein Etikett von dem Original entfernen und auf eine betrügerische Kopie kleben. Dann könnte man auch oder gerade mit solch einem Aufkleber getäuscht werden.

 

Haben Sie den Eindruck, dass die von Ihnen in Ihrem Buch angesprochene Datenbank kritischer Werke und die universitäre Fälschungsstudiensammlung Fortschritte erzielen? Auch in Hinblick auf mehr Transparenz für eine breitere Öffentlichkeit?

Beide Einrichtungen sind sehr wichtige Neuerungen, einmal als Kölner Frühwarnsystem für Auktionshäuser, die sich gegenseitig auf neue Fälschungen aufmerksam machen können, und einmal als Institutssammlung der Universität Heidelberg, die Studierende während ihrer Ausbildung als Lehr- und Anschauungsmaterial nutzen können. Schade ist allerdings, dass die Informationen in der Datenbank kritischer Werke nicht für Sammler zugänglich sind, sodass eine wirklich breite Öffentlichkeit nicht erreicht wird.

 

Gab es von manchen Akteuren, die Sie in Ihrem Suhrkamp-Buch »Kunstfälschung« konkret erwähnen, überraschende Reaktionen?

Ein Auktionshaus fühlte sich zu unrecht kritisiert und schickte mir einen achtseitigen Brief von einer Rechtsanwältin. Doch meine Recherchen waren korrekt, und ich konnte so gut wie alle Vorwürfe entkräften.

 

Wurden Ihnen schon mal sehr spannende oder kuriose Kunstwerke zur Begutachtung vorgelegt?

Im Jahr 2020 habe ich im Landeskriminalamt Berlin ein gefälschtes Ölgemälde im Stil von Gerhard Richter begutachtet, das als Kopie eines vorhandenen originalen Gemäldes fungierte. Abgesehen davon, dass das Original bekannt ist und es bei Richter keine identischen Repliken (eigenhändige Wiederholungen) von abstrakten Gemälden gibt, fiel mir auf der Rückseite des Keilrahmens ein Stempel von einem Bonner Ökoinstitut auf, mit dem Produkte aus nachhaltiger Holzwirtschaft zertifiziert werden. Der Fälscher hatte übersehen, dass es dieses Institut zu der angeblichen Entstehungszeit des Gemäldes noch gar nicht gab. Dies war dann ein weiterer Beweis, dass es sich um eine Fälschung handelt.

 

Sind Sie auch auf Fälscherinnen aufmerksam geworden?

Skurrilerweise gibt es tatsächlich so gut wie keine Fälscherinnen. Das Fälschen ist offensichtlich eine Straftat, die fast nur von Männern ausgeführt wird. In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich keine weiblichen Fälscher finden, und auch die Polizei hat mir bestätigt, dass sie es fast nur mit männlichen Fälschern zu tun hat. Diese Form der Straftat scheint Frauen aus irgendwelchen Gründen nicht zu liegen. Warum das so ist, kann ich nicht beantworten.

 

Es gibt sicherlich jeweils unterschiedliche Gründe für das Fälschen aber auch für die Faszination des Publikums dafür. Haben Sie den Eindruck, dass das Motiv des »dem Establishment eins Auswischen« ein durchgängiges Motiv ist auf beiden Seiten?

Es mag Fälscher geben, die als Künstler keinen Erfolg gehabt haben und sich am Kunstbetrieb mit ihren Machwerken nun rächen wollen. Doch die Hauptmotivation ist zweifellos der Versuch, mit den Fälschungen einen finanziellen Gewinn zu erzielen. Was die mitunter anzutreffende Schadenfreude des Publikums betrifft, so kann man dies nur als ärgerlichen Zynismus bezeichnen. Denn niemand – kein großer oder kleiner Sammler, Händler, Auktionator oder Kunsthistoriker – möchte getäuscht und betrogen werden. Wenn eine Fälschung ihren Weg sogar in ein Museum findet, wird auch der normale Museumsbesucher und Steuerzahler betrogen, was diejenigen, die über den getäuschten Kunstbetrieb lachen, sich meist nicht bewusst machen.

 

Hat Ihr Expertenstatus für das Thema »Kunstfälschung« Ihren Alltag als Autor und Wissenschaftler verändert?

Bezüglich der Editionen Gerhard Richters werde ich als Autor des Werkverzeichnisses sowieso sehr häufig angefragt und um Gutachten gebeten, aber auch bei Werken anderer Künstler und diesbezüglichen Fragen zur Urheberschaft werde ich seit dem Erscheinen des Fälschungsbuches tatsächlich häufiger kontaktiert, wobei ich gerne behilflich bin, wenn es mir möglich ist.

 

Wann können wir mit einer Fortsetzung rechnen?

An meinem Buch habe ich dreieinhalb Jahre gearbeitet. Von daher habe ich sehr viel Wissen und Erfahrung sowie umfangreiche Recherchen in diese Publikation einfließen lassen, sodass momentan kein zweiter Band zu diesem Thema geplant ist. Doch sobald wir die Corona-Krise einigermaßen überstanden haben, werde ich wieder verschiedene Fälschungsvorträge in Museen, Universitäten und Auktionshäusern halten, worauf ich mich schon freue, da das Interesse im Kunstbetrieb sehr groß ist.

 

A.R Penck, Großes Weltbild, 1965, Öl auf Hartfaserplatte, 180 x 260 cm; Raumansicht, Albertinum Dresden

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