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Gerhard Richter im Museum Barberini, Potsdam

29. Juni 2018
Carina Krause

„Abstraktion ist das große Thema von Gerhard Richter“, sagt Ortrud Westheider, Direktorin des Museum Barberini in Potsdam. Es ist also längst überfällig, dass sich eine Werkschau ausschließlich mit diesem Teil seines Werkes beschäftigt. Herausgekommen ist eine der spannendsten Ausstellungen, die derzeit zu sehen sind.

Sie verteilt sich auf neun thematisch und lose chronologisch geordnete Räume, die sich über zwei Stockwerke erstrecken.
Der erste Raum ist Richters frühen, in Grautönen gehaltenen Werken gewidmet. Die früheste Arbeit, Vorhang, stammt aus dem Jahr 1964. In ihrer illusionistischen Malweise symbolisiert sie einen Übergang von Gegenständlichkeit zu Abstraktion. Großformatige Graue Bilder aus den 1970-er Jahren, die aus der Ferne wie eine homogene graue Farbfläche wirken, offenbaren bei näherem Hinsehen Strukturen und Muster, die delikate Schatten werfen und so zusätzlich an Tiefe gewinnen.

Im anschließenden Raum erwarten Farbfelder unterschiedlichster Größen den Besucher. Die intensive Leuchtkraft der Leinwände steht in starkem Kontrast zu den Grauen Bildern. Die schon fast brutale Aneinanderreihung der bunten Farbfelder verleiht den Arbeiten eine unerwartete Energie, der sich der Betrachter nur schwer entziehen kann.

Im oberen Stockwerk werden Arbeiten ab den 1970er-Jahren bis 2017 gezeigt. In den Sälen 3 bis 5 finden sich großformatige Ausschnitt-Bilder, farbige Vermalungen und frühe Abstrakte Bilder aus den 1980er-Jahren – darunter mehrere kleinformatige Arbeiten, die trotz aller Abstraktion an Landschaften an einem lauen Sommerabend erinnern.

In den Räumen 7 bis 9 verzaubern Rakelbilder ab 1983 das Auge. Richter schabt, verwischt und übermalt die Oberflächen und erschafft so unglaublich vielschichtige Arbeiten, jede ein perfektes Rätsel.
Raum 8 wird jedoch fraglos von der mehrere Meter langen, computergenerierten Arbeit Strip dominiert, die auf einem Ausschnitt von Abstraktes Bild (724-4) beruht, das übrigens in Raum 7 der Ausstellung zu sehen ist.

Das herausragende Stück der Ausstellung ist wohl Sieben Scheiben (Kartenhaus), eine komplexe Glasarbeit, die wie für den Saal im Museum Barberini geschaffen scheint. Was für ein Kunstwerk! Wie Fenster öffnen sich die verschiedenen, wie im Raum schwebenden Scheiben und spiegeln gleichzeitig den strahlend blauen Potsdamer Juni-Himmel wider. Mit der kleinsten Bewegung des Betrachters verschieben sich auch die kaleidoskopartigen Reflektionen: Himmel und Nikolaikirche vereinen sich mit den nur schemenhaft wahrnehmbaren anderen Besuchern und den kleinformatigen Arbeiten an den Wänden des Saales und brechen ebenso schnell wieder auseinander.

Es fällt einem mittlerweile eher schwer, von einer Gerhard Richter-Ausstellung wirklich überrascht zu sein, aber dieser gelingt das mit erstaunlicher Leichtigkeit. Viele der ungefähr 90 Werke werden zum ersten Mal gezeigt, ein Grund mehr, Gerhard Richter. Abstraktion nicht zu verpassen.

Gerhard Richter. Abstraktion ist vom 30.6. bis 21.10.2018 im Museum Barberini, Potsdam zu sehen.