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“Jörg Immendorff: Für alle Lieben in der Welt” im Haus der Kunst in München

7. Januar 2019
Carina Krause

Für alle Lieben in der Welt ist sicher keine Ausstellung, die man besucht, um sich einen schönen, unbeschwerten Nachmittag zu machen. Dafür ist sie zu tiefgehend, zu düster. Diese Ausstellung verlangt vom Besucher Mitarbeit und Konzentration. Das liegt nicht nur an der Fülle der Bilder, sondern auch daran, dass die Räume nicht einfach zu navigieren sind. Würde es einen Preis für das irritierendste Begleitheft geben, dann wäre das zur Immendorff-Ausstellung zweifelsohne konkurrenzloser Sieger.

Vorzugsweise sollte man sich vor einem Besuch schon etwas in das Thema Immendorff eingelesen haben, sonst könnte man sich schnell überfordert fühlen. Lässt man sich aber auf die Ausstellung ein, dann wird das höchstwahrscheinlich eine dieser exzellenten Werkschauen sein, an die man sich noch in vielen Jahre erinnern wird.

Dem Team um Kurator Ulrich Wilmes ist es gelungen, fast 200 Bilder und Skulpturen aus mehr als vier Jahrzehnten für die Ausstellung Jörg Immendorff: Für alle Lieben in der Welt im Haus der Kunst zusammenzutragen. Lose chronologisch werden die Arbeiten in verschiedene Schaffensperioden gegliedert präsentiert.

In den ersten beiden Räumen finden sich hauptsächlich politische Arbeiten der 1960er- und 1970er-Jahre. Während im ersten Raum unter anderem eine Auswahl seiner dicken Babys zu sehen sind, mit denen Immendorff zur Zeit des Vietnamkriegs noch recht subtil an das Gute im Menschen zu appellieren versucht, ist in Raum 2 eine zunehmende Politisierung des Künstlers unübersehbar. 1969 wird Immendorff der Düsseldorfer Akademie der Bildenden Künste verwiesen. In der Folgezeit erschafft er vorrangig Agitations- und Propagandabilder, die seine sozialkritische Haltung widerspiegeln.

Diese Bildthemen weichen in den späten 1970er-Jahren immer mehr Motiven, in denen sich Immendorff mit der Teilung Deutschlands auseinander setzt, was 1978 schließlich zum Beginn seines Café Deutschland-Zyklus führt. Inspiriert von Renato Guttusos Caffè Greco aus dem Jahr 1976 zeigt Immendorff in immer wieder anderen Konstellationen Künstler, Politiker und andere bekannte Persönlichkeiten aus beiden deutschen Staaten gemeinsam ausgelassen feiernd im Inneren einer nur spärlich beleuchteten Bar.

Auf anderen Bildern der 1980er-Jahre sind seltsam verletzlich wirkende sternförmige Massen zu sehen, die dem Betrachter ihre nur schlecht verheilten Wunden zuwenden – und unschwer als das gespaltene Deutschland interpretiert werden können.
Nach all der Aufmerksamket, die Immendorff dem Thema geschenkt hat, ist es verwunderlich, dass er in keiner seiner Arbeiten auf den Mauerfall des Jahres 1989 und die darauf folgende Wiedervereinigung Deutschlands Bezug zu nehmen scheint.

Eine andere Werkgruppe umfasst mehrere Affenskulpturen, die Immendorff zwischen 2002 und 2007 realisiert. Vom Künstler als Malerstamm bezeichnet, ist jede der Bronzen eine Hommage an einen großen Maler der Kunstgeschichte und Gegenwart.
Bereits ab 1985 taucht die Figur des Affen im malerischen Werk des Künstlers auf und kann auf vielfältige Weise interpretiert werden, unter anderem als Begierde, als Ironie, als Freund und als Feind.

1997 erhielt Immendorff die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Diese degenerative Erkrankung des Nervensystems zwang ihn letztendlich, Bildideen zu entwickeln, deren Ausführung mit Fortschreiten der Krankheit an Assistenten übertragen werden konnte.

Inhaltlich beschäftigte er sich in seinem Spätwerk zunehmend mit Themen wie Transformation, Vergänglichkeit und – wenig überraschend – der eigenen Sterblichkeit. Eindrücklich erlebbar wird das vor allem in zwei Gemälden: Letztes Selbstporträt I – das Bild ruft von 1998 zeigt ihn in einem dunklen, nur von einer Kerze schlaglichtartig erhellten Raum. Regungslos sitzt er an einem Tisch, die Melancholie ist fast körperlich spürbar.
Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt von 2007 greift das gleiche Motiv auf. Während er in dem früheren Bild die Anfänge seiner Erkrankung verarbeitet, ist das spätere eine von Assistenten ausgeführte Arbeit. Im selben Jahr verstirbt Immendorff.

Immer wieder gab es (und wird es wohl auch in Zukunft geben) Diskussionen um die Authentizität des Spätwerks von Jörg Immendorff. Er konnte die meisten dieser Arbeiten nicht mehr eigenhändig ausführen, sie wurden jedoch nach seinen genauen Anweisungen realisiert. Was bei Bildhauern, Architekten und Installationskünstlern die Norm ist, wird in der Malerei kritisiert. Selbstverständlich kann man das tun, aber spricht man damit dem Künstler nicht das Recht seiner Kunst als Konzept ab?

 

Jörg Immendorff: Für alle Lieben in der Welt, Haus der Kunst in München, 14.09.18 — 27.01.19

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