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Baselitz – Richter – Polke – Kiefer: Die jungen Jahre der Alten Meister in der Staatsgalerie Stuttgart

15. April 2019
Carina Krause

Die Giganten der deutschen Nachkriegskunst sind in der Stuttgarter Staatsgalerie erstmals in einer Ausstellung vereint. Wie der Titel Die jungen Jahre der Alten Meister bereits erahnen lässt, konzentriert sich die Schau auf die frühen Arbeiten der vier Künstler, hauptsächlich auf jene aus den 1960er-Jahren.

Kurator Götz Adriani hat sich zum Ziel gesetzt, aufzuzeigen, wie unterschiedlich die Künstler auf diese Zeit des Umbruchs und der damit einhergehenden Änderungen der 1960er-Jahre reagierten. Das politische Klima war zugleich konservativ und revolutionär – einerseits das Wirtschaftswunder, andererseits die Studentenproteste. Hinzu kam, dass die Folgen des Nationalsozialismus in der Bevölkerung auch noch lange nach der Beseitigung der materiellen Kriegsschäden nachwirkten.

In den Arbeiten aller vier Künstler spiegelt sich die Suche nach Antworten auf die Traumata der jüngeren Geschichte.

Sowohl Baselitz als auch Richter, Polke und Kiefer nutzten dafür das Medium der Malerei – und das zu einer Zeit, in der Happenings und Performance die Kunstwelt bestimmten und einmal mehr das Ende der Malerei heraufbeschworen wurde.

Den Anfang der Ausstellung bilden kraftvolle Gemälde von Georg Baselitz, die Obszönitäten und gebrochene Helden zum Thema haben. In späteren Bildern, z.B. in den Portraits aus dem Jahr 1969, stellt Baselitz das Motiv auf den Kopf. Durch diese Umkehrung gelingt es ihm, sich der Abstraktion anzunähern ohne dabei die Figuration aufzugeben.

Gerhard Richter, dessen Arbeiten in den folgenden Räumen zu sehen sind, reagierte völlig anders auf sein Umfeld als Baselitz. Entgegen allen Traditionen der Kunstgeschichte erhob er Abbildungen aus Zeitungen und Zeitschriften, egal ob Werbung, Prominente oder Fotografien des Zeitgeschehens, zu gleichwertigen Bildmotiven, was ihn davon befreite, Bildkompositionen zu konzipieren. Dementsprechend hängen in der Ausstellung Gemälde von Tigern gleichberechtigt neben Militärflugzeugen und Familienporträts neben Werbung für einen Wäschetrockner. Statt aufgeladene Inhalte zu präsentieren, erobert Richter Freiräume und fängt so den Zeitgeist der Wirtschaftswunderjahre ein.

Mit viel Witz und Ironie bezieht auch Sigmar Polke zur leeren Konsum- und Glitzerwelt der 1960er-Jahre Stellung. Würstchen und Reis finden sich neben Darstellungen von Knöpfen und Flamingos. In Arbeiten wie Dürer Hase und Carl Andre in Delft (beide 1968) bezieht er sich, anders als Richter, auf die ältere und jüngere Kunstgeschichte.

Die sich anschließenden Räume werden von Anselm Kiefer bespielt. Neben mehreren Buchwerken findet sich auch eine Auswahl seiner spannungsgeladenen Heroischen Sinnbilder (1970), die den Künstler mit zum Hitlergruß erhobenem Arm zeigen. Die Bilder basieren auf Kiefers Aktion Besetzungen, für die er sich an geschichtsträchtigen Orten in dieser provokanten Pose fotografieren ließ, bevor er später diese Bilder in das Medium der Malerei übertrug.

Alle vier Künstler bezeichnen sich selbst als unpolitisch. Ihre Bilder sind Vergangenheitsbewältigung, keine Agitationskunst. In den 1960er-Jahren waren sie Vorreiter, eine neue Generation, die dazu beitrug, das Bild des neuen Deutschlands im Ausland zu beeinflussen.

Diese Vorreiterrolle hatten sie nicht zu Unrecht inne, wie man an der Ausstellung sehen kann, die sehr viele, sehr gute Arbeiten in hoher Konzentration vereint. Baselitz, Richter, Polke und Kiefer waren in den 1960er-Jahren die Künstler, die mit ihren Positionen den Diskurs der figurativen Malerei bestimmten. Schaut man sich die Arbeiten in der Ausstellung an, wird einem klar, dass es wahrlich kein Zufall ist, dass sie heute zu den ganz Großen der Kunstwelt zählen.

Dank einer zeitgeschichtlichen Dokumentation im Foyer der Staatsgalerie wird die Ausstellung historisch in den 1960er-Jahren verortet.

In der Ausstellung selbst gibt es keine Wandtexte – ein zweischneidiges Schwert. Zum einen ist es, wie von den Organisatoren gewünscht, eine Einladung an die Besucher, sich visuell mit der Kunst auseinanderzusetzen. Andererseits könnten diese leicht abrufbaren Informationen vor allem Besuchern ohne kunstgeschichtlichen Hintergrund, ein besseres Verständnis der Arbeiten und Zusammenhänge ermöglichen.

In der Ausstellung werden etwa 80 Arbeiten präsentiert. Sie ist vom 12. April bis 18. August 2019 in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Vom 13. September 2019 bis 5. Januar 2020 wird sie dann in den Deichtorhallen in Hamburg präsentiert.

 

 

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