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Georg Baselitz in der Fondation Beyeler, Riehen

25. Januar 2018
Carina Krause

Die erste Arbeit, die der Besucher der Baselitz-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen bekommt ist ein wandfüllendes Dystopisches Paar (2015). In Anlehnung an Otto Dix’ Die Eltern des Künstlers (1924) thematisiert Baselitz hier in überwiegend schwarzen und weißen Farbtönen die Vergänglichkeit – die der Zeit und die des Körpers. Die beiden überlebensgroßen geisterhaften Figuren scheinen geradezu umhüllt von Ambiguität und setzen damit den Rahmen für die Ausstellung.

Gleich im ersten Raum begegnet man einer Reihe zutiefst verstörender Werke, darunter Die große Nacht im Eimer (1962/63). Das Gemälde zeigt eine schmächtige männliche Person, die dem Betrachter ihr enormes Glied präsentiert und eine am Boden liegende Figur, die in ihrer Reglosigkeit an einen Klumpen Fleisch erinnert. Dass diese Arbeit im Wirtschaftswunderdeutschland, in dem gerade Manuela ihr harmloses Schuld war nur der Bossa Nova trällerte und damit exakt den Nerv der Zeit traf, einen Sturm der Entrüstung auslöste, kann man sich lebhaft vorstellen.

An der gegenüberliegenden Wand finden sich mehrere Darstellungen, die in erbarmungsloser Direktheit abgetrennte Füße zeigen – jedes dieser Körperfragmente scheint ein Symbol für menschliches Leiden.

Das beklemmende Gefühl lässt sich auch im nächsten Raum nicht abschütteln. Es wird durch die Gegenüberstellung von Werken aus der Helden-Serie und einem vermeintlich idyllischen Sommermorgen (1964) eher noch verstärkt. Diese Bilder wirken wie die malerische Erkundung eines Zusammenbruchs: sie zelebrieren keine glorreichen, triumphierenden Helden, sondern zeigen vom Krieg gebrochene, entkräftete Kreaturen, die den Folgen dieser Katastrophe nicht gewachsen sind. Baselitz’ Welt ist keine heile Welt und wird es vermutlich auch nie sein.

Der nächste Raum bietet Frakturbilder, auf denen Körperteile von Mensch und Tier vermeintlich wahllos auf groteske Art und Weise verknüpft sind, und zeigt zudem mit Fertigbetonwerk (1970) eine der frühen Motivumkehrungen. 1969 entschied sich Baselitz, seine Bilder auf den Kopf zu stellen. Der dadurch erzielte Verfremdungseffekt demonstriert nicht nur eine Abstraktion des Figürlichen, sondern hinterfragt generell die konventionellen Sehgewohnheiten.

Ende der 1970er-Jahre beginnt Baselitz Holzskulpturen zu erschaffen. Modell für eine Skulptur (1979/80), das in der Fondation Beyeler zu sehen ist, sorgte für einen Skandal, als es 1980 auf der Biennale von Venedig gezeigt wurde. Der ausgestreckte rechte Arm der nur halb und roh aus dem Holz gehauenen, rot und schwarz bemalten Figur wurde sofort als Hitlergruß missinterpretiert. Der Künstler hingegen sieht die Wurzeln dieser Geste in afrikanischer Stammeskunst. Es ist nicht die einzige Arbeit in der Ausstellung, die Baselitz, den Bildhauer vorstellt. Seine strahlend gelben Dresdner Frauen (1989/90), eine Hommage an Trümmerfrauen, dominieren den benachbarten Saal, das riesige Skulpturenpaar Meine neue Mütze (2003) und Frau Ultramarin (2004) beherrscht Raum 9.

Gezeigt werden in Riehen auch eine Auswahl von Baselitz’ Fingermalereien. Wie die Bezeichnung bereits erahnen lässt, verzichtet er bei diesen Gemälden auf den Einsatz von Pinseln und malt stattdessen mit Fingern und Handballen. So entstehen, unter anderem Adler, Akte und Landschaften.

Diese und andere Bildthemen, vor allem Darstellungen seiner Frau Elke, tauchen im Werk des Künstlers immer wieder auf. Das malerische Wiederholen gibt ihm die Möglichkeit, Motive abzuwandeln, die Farbigkeit zu variieren und Inhalte bereits abgeschlossener Arbeiten wieder aufzunehmen. Insbesondere wird dies in seinen Remix-Bildern deutlich, in denen er seit 2005 wichtige Werke seines Œuvres neu interpretiert, jedoch die Schwere und Düsternis früherer Arbeiten hinter sich lässt.

Dass das Serielle wichtiger Teil seines Werkes ist, demonstrieren auch die in Raum 6 zusammengetragenen Orangenesser (1981). Jede der vier Leinwände zeigt eine Figur, die eine Orange zum Mund führt. Kolorit und Position des Körpers weichen voneinander ab und schaffen so eine jeweils andere Atmosphäre.

Eine der eindrucksvollsten Arbeiten der Ausstellung befindet sich in Saal 10: das monumentale Avignon ade (2017), in dem Baselitz schonungslos den Zerfall des eigenen Körper dokumentiert. Die trotz ihrer enormen Größe zerbrechlich wirkende Figur ist vertikal in zwei Hälften zerteilt. Ihr abgetrennter rechter Fuß verweist auf die frühen Arbeiten – und so schließt sich der Kreis.

Die Kunst von Georg Baselitz ist nicht leicht zugänglich. Seine kontroversen Aussagen, unter anderem zum Thema Künstlerinnen, sind der Sache wenig förderlich. Die von Martin Schwander kuratierte Ausstellung ist allerdings so toll gemacht, dass sich ein Besuch auch dann lohnt, wenn man kein Baselitz-Fan sein sollte.

 

Die Ausstellung Georg Baselitz in der Fondation Beyeler in Riehen läuft noch bis zum 29. April 2018. Parallel zeigt das Kunstmuseum Basel Georg Baselitz: Werke auf Papier.

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