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Sigmar Polke, Palazzo Grassi, Venedig

17. Oktober 2016
Julia Linsen

(Venedig, Italien)

Noch bis zum 6. November ist in der Pinault Foundation, Palazzo Grassi, in Venedig eine Retrospektive zu sehen, die dem Künstler Sigmar Polke gewidmet ist. Das Jahr 2016 markiert sowohl den 75. Geburtstag Polkes als auch den 30. Jahrestag seiner Teilnahme an der Biennale von Venedig im Jahr 1986, auf welcher ihm der Goldene Löwe verliehen wurde.

Die magische und geheimnisvolle Kunst Sigmar Polkes (1941-2010) füllt den Palazzo Grassi und vermittelt einen Eindruck der Spuren, die der deutsche Künstler in seiner mehr als vier Jahrzehnte spannenden Karriere hinterlassen hat. Die Ausstellung ist in umgekehrt chronologischer Reihenfolge aufgebaut und hebt vor allem das breite Spektrum der verschiedenen Techniken und Formate Polkes – darunter Malerei, Zeichnung, Installationskunst und Film – hervor.

Diese Einzelausstellung zeigt etwa 90 Arbeiten der Sammlung Pinault, öffentlichen sowie weiteren privaten Sammlungen und folgt dem Leben und der Karriere des deutschen Künstlers zurück bis in die 1960er-Jahre. Dies ist die erste Retrospektive des Künstlers in Italien. Sein Nachruf in der New York Times (2010) beschreibt ihn als “donquichottischen Pop-Artist, der gewöhnliche Materialien verwendet um Ungewöhnliches zu erschaffen”.

Die Ausstellung, von Elena Geuna und Guy Tosatto, Direktor des Musée de Grenoble, in enger Zusammenarbeit mit dem Estate of Sigmar Polke kuratiert, zeigt das Werk eines Künstlers, dem es gelang, die Bildsprache des späten 20. Jahrhunderts aufzufrischen. Die Schau beginnt im Atrium des Palazzo Grassi mit Axial Age (2005-07), einer Serie bestehend aus sieben monumentalen Gemälden, die 2007 im zentralen Pavillon der Biennale von Venedig ausgestellt wurden. Diese Arbeiten spielen mit der Wechselwirkung von Sichtbarem und Unsichtbarem und dem Unterschied zwischen Denken und Wahrnehmung. Der Titel Axial Age bezieht sich auf die Achsenzeit-Theorie des deutschen Philosophen Karl Jaspers.

Der Besucher erlebt auf zwei weiteren Stockwerken die verschiedenen Studien, die Polke während seiner künstlerischen Laufbahn unternahm. Vor allem sein Interesse an der Alchemie von Form und Farbe wird durch Arbeiten, wie z.B. Magische Quadrate (1992) hervorgestellt. Die Räume der ersten Ebene demonstrieren Polkes Entwicklung der Jahre 1990 bis 2010. Zu sehen sind unter anderen Werke wie Strahlen Sehen (2007) – einem Zyklus, bestehend aus fünf Arbeiten in Acryl auf Polyester, der eine Betrachtung des Sternenhimmels aus dem 18. Jahrhundert zum Thema hat – und das außergewöhnliche Hermes Trismegistus (1995). Dabei handelt es sich um eine vierteilige Arbeit, die von den Marmorintarsien des Fußbodens des Doms von Siena vor allem aber von Polkes Beschäftigung mit Alchemie – hier übersetzt durch die alchemistischen Prozessen zugehörigen Farben Schwarz, Weiß, Gelb und Rot – inspiriert wurde. Der spielerische Aspekt der Malerei des Künstlers tritt besonders in Arbeiten zutage, in denen die Bildermotive mithilfe eines Fotokopierers manipuliert wurden und dann aufgrund der Vergrößerung der fotografischen Struktur entweder überlappen oder fragmentiert sind, beispielsweise in Man füttert die Hühner (2005).

Teil der Retrospektive sind auch bisher unbekannte 16mm-Filme des Künstlers, die von seinen Kindern Anna und Georg Polke ausgewählt wurden und dessen verspielten Filmexperimente in Beziehung zu seinem bekannten Oeuvre setzen. Das Bildmaterial wurde von Polke mit seiner Beaulieu-Kamera aufgenommen. Einer der Filme ist Ohne Titel (Venice Biennale), für den der Künstler 1986 Besucher des Biennale Pavillons und ihre Reaktion auf seine Werke aufgezeichnet hat. Polkes Amateurfilme werden zusammen mit Filmmaterial seiner Arbeiten, der Biennale von Venedig und von Alltagsszenen, die ihn selbst und Freunde und Bekannte beim Spielen und Herumalbern zeigen, vorgestellt und erlauben so einen unerwarteten intimen Einblick in Polkes Künstlerleben.

Auf der zweiten Ebene findet sich eine poetische Laterna Magica (1988-1992), deren sieben Szenen einen englischen Kinderreim des frühen 20. Jahrhunderts darstellen. Auch Polkes politische Bilder, oft in der von ihm schon seit den 1960er-Jahren benutzten Raster-Technik realisiert, werden dort präsentiert. Darunter provokante und anklagende Arbeiten wie Polizeischwein (1986) und Amerikanisch-Mexikanische Grenze (1984).

Besonders interessant ist der Bereich der Ausstellung, der sich mit den Anfängen der Karriere Polkes auseinandersetzt. Dort werden Skulpturen und Installationen zusammengebracht, unter ihnen Kartoffelhaus (1967-1990), das auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Deutschland der Nachkriegsjahre verweist.

Schlussfolgerung

Der Weg, dem diese Ausstellung folgt ist der eines Chamäleons. Ich bin beeindruckt von Sigmar Polkes visionärer Qualität, seinen Projekten, deren Vielfalt – und ganz besonderns von seinem Sinn für Ironie. Es ist kaum zu glauben, dass die gezeigten Arbeiten alle von ein und demselben Künstler stammen; diese Fähigkeit, seinen Ansatz immer neu ändern zu können, ist es auch, was seine Größe ausmacht.

 

Meiner Meinung nach liegt die ungaubliche Stärke Polkes in seiner Begabung, Geschichten so verflochten darzustellen, dass die eigentliche Handlung sich nur jenen offenbart, die sich mit geduldigem Auge auf Details konzentrieren. Das gilt unter anderem für Zirkusfiguren (2005). Dieses beeindruckende Porträt der Zirkuswelt ist mehr als nur Glanz und Glitzer in den Farben der Kindheit; es erinnert an ein tragisches, schwer fassbares Gedicht, in dem der verspielte Anschein eine unvorhersehbare Botschaft offenbart – genau wie im wirklichen Leben.

 

 

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